KW20 - Von KI, Kumpels und Kanarienvögeln

Doppelgänger Update (BETA)

Von Philipp Klöckner · 11. Mai 2026


👋 Hallo! Du empfängst diesen Newsletter als eine(r) von 🥳 25,773 Abonnent:innen (+239).

❤️ Danke an alle, die letzte Woche neue Leser:innen auf unseren Newsletter aufmerksam gemacht haben! Die “Share the Newsletter” Funktion findet ihr am Ende der aktuellen Ausgabe. Der heutige Newsletter hat 1.405 Wörter und das vollständige Lesen dauert etwa 5 Minuten. Heute ist Montag, der 11. Mai 2026 und die KW20 startet.

🦜 Von KI, Kumpels und Kanarienvögeln

Historisches Bild eines Minenarbeiters: Zum Schutz des eigenen Lebens, nahm man Kanarienvögel mit auf die Arbeit. Im Falle eines Gaslecks, würden diese lange vor dem Menschen an einer Kohlenmonoxidvergiftung sterben und das Leben der Arbeiter retten

Künstliche Intelligenz killt Junior-Positionen und damit ganze Karrierewege für eine Generation. Zudem würden Firmen, die keine Berufseinsteiger mehr einstellen, ihre eigene zukünftige Personalbasis unterminieren. So oder ähnlich haben in den letzten Monaten Wissenschaftler, Zeitungsartikel und Politiker die aktuelle Lage gezeichnet. Realität ist das aber noch lange nicht. 

Maasoum, Lichtinger (2025) | Quelle: Link

Charts wie dieser sollen das belegen. Es lohnt sich aber nicht nur auf die Daten dahinter, sondern auch genauer auf das Schaubild zu sehen. Denn zum einen beginnt der Drift zwischen der Einstellung von juniorigen und erfahrenen Mitarbeiter:innen lange vor dem ChatGPT-Moment. Das Aufkommen von KI kann diese Entwicklung also gar nicht besonders gut erklären. Zudem lässt die Anomalie in den Corona-Jahren den späteren Abfall steiler erscheinen, als er bei einfacher Fortschreibung der vorherigen Bewegung aussehen würde.

Ebenfalls wichtig: Wie sehen hier keinesfalls die Gesamtwirtschaft. Der Chart beschreibt das ultimative Selection Bias. Er bezieht sich nämlich nur auf jene 3,7% der Unternehmen, die KI in ihren Jobbeschreibungen verwenden. Bestenfalls wäre diese Aussage also für die absoluten Trailblazer, typischerweise kleine Startups und Kleinstunternehmen, die KI als erstes adaptieren, wahr. Über die restlichen 96% der Volkswirtschaft, trifft die Harvard-Studie vorerst gar keine Aussage.

Erik Brynjolfsson, Bharat Chandar, Ruyu Chen (2025)

Nicht viel besser ist die Stanford-Studie namens Canaries in the Coal Mine? Six Facts about the Recent Employment Effects of Artificial Intelligence (Link) aus der obiger Graph stammt. Sie möchte belegen, dass Jobs wie Software-Entwickler oder Call-Center-Agent die sprichwörtlichen Kanarienvögel der Minenarbeiter sind und uns eine Vorschau auf das geben, was allen administrativen Jobs früher oder später blüht.

Das Problem: Der Studie gelingt es nicht zu erklären, warum Unternehmen schon 6 Monate vor der Veröffentlichung von ChatGPT begonnen haben, ihre Mitarbeiter auf die Straße zu setzen.

Ähnliche Darstellung, jetzt aber mit Zinskurve

Viel wahrscheinlicher ist, dass die schnellste Zinserhöhung der Geschichte von Nahe Null auf über 4% einen deutlichen Einfluss auf den Jobmarkt hatte. Insbesondere Startups und Technologieunternehmen sind recht unmittelbar von der Finanzierungssituation und Zinskurve abhängig.

Kein Wunder also, dass die verantwortlichen Wissenschaftler wenige Monate später eine Neuauflage der Studie publizierten, welche weit weniger Aufmerksamkeit erregte. Der neue Titel: Canaries, Interest Rates, and Timing: More on the Recent Drivers of Employment Changes for Young Workers (Link). Das Narrativ hat sich aber deswegen nicht umgeschrieben.

Insbesondere Technologieunternehmen haben in der COVID-Nullzins-Phase weit mehr Menschen eingestellt, als sie nach der Wiedereröffnung der Wirtschaft noch brauchten. Dieser Überoptimismus wurde beginnend 2022 zunehmend korrigiert. Weshalb man auch hier den Effekt bereits ein gutes Jahr vor ChatGPT beginnen sieht.

Weit mehr Aussagekraft hat eine ältere Studie von 2010: The long-term labor market consequences of graduating from college in a bad economy (Link) erklärt, warum es immer eine schlechte Idee ist, zu Zeiten einer Wirtschaftskrise von der Uni abzugehen. Man braucht keine KI, um zu erklären, dass Unternehmen gerade nicht einstellen und Junior-Positionen immer die Leidtragenden der Hiring-Zurückhaltung sein werden.

In meiner Keynote (unten im Newsletter) erkläre ich außerdem, dass ausgerechnet Juristen, welche eine der am meisten bedrohten Jobgruppen sein sollten, mehr denn je eingestellt werden und warum mit dem Start von Claude Code auf einmal wieder mehr statt weniger Entwickler und Service-Arbeiter eingestellt wurden. All dies lässt die These, dass KI kurzfristig Jobs killt, zumindest eine Datengrundlage entbehren.

Und dennoch verlieren Tech-Worker wegen KI ihren Job. Nicht weil künstliche Intelligenz sie überflüssig macht, sondern weil neue Datacenter um die gleichen operativen Ausgaben wie Entwickler, Produktmanager und Kundendienstmitarbeiter konkurrieren. Längst stoßen große Techunternehmen beim Datacenter-Ausbau an ihre finanziellen Grenzen. Um dennoch mehr Geld in KI-Chips stecken zu können, streicht man ein paar Stellen. So geschehen zum Beispiel bei Meta oder Oracle.

Statt einfache Narrative zu replizieren, lohnt sich also doch ein Blick in die Daten. Oder der Rückfall auf noch einfachere: “It’s the economy, stupid!”.
🔗 Canaries in the Coal Mine? | Canaries & Timing

💬 Zitat der Woche

Bitches
Money
No Taxes
Party.”

Elon Musk - Südafrikanischer Philosoph auf seinem Mistmixer X.com. Der Muttertags-Tweet, der von Musk außerdem um die Worte “Don’t cut your balls off guys, really” ergänzt wurde, wurde im Nachhinein gelöscht. Nicht gelöscht wurden seine neuesten Aufsätze zum Thema Nazis wären Sozialisten, et vice versa.

📰 Das sind die weiteren News der Woche: 

🤝 Claude zieht bei xAI ein: er KI-Entwickler Anthropic (Claude) sichert sich die gesamte Rechenkapazität von Elon Musks Colossus 1 Supercomputer bei SpaceX. Der Deal umfasst den Zugriff auf über 220.000 Nvidia-GPUs und 300 Megawatt Leistung, um die massiv steigende Nachfrage nach KI-Coding-Tools wie Claude Code zu bedienen. Bemerkenswert ist die Annäherung der Firmen, da Musk Anthropic zuvor scharf kritisiert hatte; nun wird sogar über gemeinsame Pläne für gigawattstarke KI-Rechenzentren im Weltraum spekuliert. Tatsächlich handelt es sich um eine Zweckgemeinschaft. Elon Musk hat Rechenzeit geschaffen, die er mit Grok nicht auslasten kann, Dario Amodei konnte nicht schnell genug für den Erfolg von Claude vorsorgen.
🔗 The Wall Street Journal

💰 DeepSeek besorgt sich Milliarden: Das chinesische KI-Labor DeepSeek plant laut Medienberichten eine gigantische Finanzierungsrunde von bis zu 7,35 Milliarden US-Dollar (50 Mrd. Yuan), was die Bewertung auf bis zu 50 Milliarden US-Dollar katapultieren könnte. Um die enormen Kosten für Rechenkapazitäten zu decken, verabschiedet sich Gründer Liang Wenfeng von seiner bisherigen Strategie der Eigenfinanzierung durch seinen Hedgefonds High-Flyer und forciert nun die Kommerzialisierung sowie schnellere Modell-Releases. Die Runde, an der sich auch staatliche Akteure und Tech-Giganten wie Tencent beteiligen könnten, wäre die größte Einzelfinanzierung eines KI-Startups in China.
🔗 The Information

💵 Helsing bald 18 Milliarden wert? Das Münchner KI-Rüstungs-Startup Helsing steht laut Medienberichten kurz vor einer neuen Finanzierungsrunde über 1,2 Milliarden US-Dollar, angeführt von der US-Beteiligungsgesellschaft Dragoneer. Die Bewertung des Unternehmens, das unter anderem KI-Software für den Eurofighter und autonome Drohnen entwickelt, würde damit auf rund 18 Milliarden US-Dollar steigen. Mit diesem massiven Kapitalsprung festigt Helsing seine Position als wertvollstes Startup Deutschlands und tritt in direkte Konkurrenz zu Branchengrößen wie Airbus und Rheinmetall.
🔗 Handelsblatt

🪰 Weitere News gibt es in der letzten Folge des Doppelgänger Podcast…
🔗 Doppelgänger Podcast

📶 Chart der Woche: Made in China

Made in China war lange Zeit ein Stigma. Das Label verhieß günstige Preise und mindere Qualität. Das ist schon lange nicht mehr so. Egal ob Handstaubsauger, Flüster-Ventilator, Rasenmähroboter oder eAuto — wer nicht in China kauft, zahlt drauf und kauft außerdem veraltete Technologie.

Im B2B-Markt sieht es ganz ähnlich aus. In vielen Schlüsseltechnologien und Industriesparten führt China die Verkaufszahlen an und hat den Exportweltmeister Deutschland abgelöst.
🔗 Dezernat Zukunft

📺 Sehenswert: Haken Dran Podcast - Die neue Zeitrechnung (circa 65 min)

Wie immer diskutieren Gavin Karlmeier und ich die News der letzten Tage. Dabei geht es um das Elon Musk vs. OpenAI Verfahren, den SpaceX/Anthropic Deal und warum Elon Musk vermeintlich stellvertretend für seine Mutter twittert.
🔗 PeerTube | Spotify | Apple

📺 Sehenswert: Beyond the AI Hype 2026 (circa 56 min)

Wer meine Keynote auf der OMR verpasst hat, vor verschlossenen Türen stand, oder sich die 148 Folien noch einmal in Ruhe zu Gemüte führen möchte, findet diese dank der unermüdlichen Arbeit der OMR Crew schon auf YouTube.
🔗 YouTube | Slides

🖨️ Earnings Season: Quartalsergebnisse der Woche

Montag 11. Mai: monday.com (BMO), hims | hers (AMC), plug Power (AMC)
Dienstag 12. Mai: on Runnning (BMO), sea Ltd. (BMO), JD.com (BMO), OKLO (AMC)
Mittwoch 13. Mai: Nebius (BMO), Alibaba (BMO), dynatrace (BMO), wix (BMO), Cisco (AMC)
Donnerstag 14. Mai: Klarna (BMO), Bullish (BMO), nu (AMC), Figma (AMC)
Freitag 15. Mai:

Dieser Newsletter wird auch weiterhin jeden Montagmorgen auf wundersame Weise in Deiner Inbox erscheinen. Einen Faxabruf gibt es leider nicht. Vielleicht solltest Du die Absender-eMail in Deinem eMail-Programm whitelisten oder den Newsletter in Deine Primary Inbox verschieben, um keine Ausgabe zu verpassen.
Danke für Deine Zeit und Aufmerksamkeit! ❤️

📮 Schick mir gern Dein Feedback an [email protected] oder leite diese Mail an Freunde und Kollegen weiter, wenn Du sie nützlich fandest.

Oder nutze diesen Link um ihn in sozialen Netzwerken und mit Freunden zu teilen: https://doppelgaenger.beehiiv.com/subscribe?ref=PLACEHOLDER