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KW2 - Mit Ambiguität ins neue Jahr
Doppelgänger Update (BETA)
Von Philipp Klöckner · 5. Januar 2026
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🛢️ Die Ambiguität von Trumps Außenpolitik

Am 3. Januar 2026 entführten U.S. Spezialkräfte den Machthaber Nicolás Maduro aus Venezuelas Hauptstadt Caracas | Bild KI-generiert
Ambiguität kann man am besten mit Mehrdeutigkeit übersetzen. Ein und dieselbe Aussage oder Situation kann aus verschiedenen Perspektiven mehrere Deutungen erlauben. Dabei können — wie so oft — mehrere Dinge gleichzeitig wahr sein. Ein Umstand, den in den heutigen Debatten auf Social Media immer weniger Menschen zu akzeptieren bereit sind. Und so liegt jeder, der Trumps Angriff auf Venezuela per se verurteilt oder feiert, meiner Meinung nach schon grundsätzlich falsch. Jede undifferenzierte Einordnung in gut und schlecht, falsch und richtig greift zu kurz und stellt eine intellektuell faule Analyse der komplexen Situation dar.
In den frühen Morgenstunden (Ortszeit) des 3. Januar griffen circa 150 Flugzeuge, Drohnen und Helikopter strategische Ziele an der Küste Venezuelas an, um es mit Hubschraubern abgesetzten Spezialkräften zu ermöglichen, den amtierenden Machthaber Nicolás Maduro zu entführen und zunächst an Bord eines US Navy Schiffs und später nach New York zu verbringen, wo er wegen Drogenhandels und anderer Verbrechen angeklagt wird.
Der Angriff verletzt mit hoher Wahrscheinlichkeit Völkerrecht. Auch der U.S. Kongress wurde durch Trumps eigenmächtige Aktion im Dunkeln gelassen. Mutmaßlich könnte man sogar unterstellen, dass das Manöver mit Absicht in die Feiertagspause der U.S. Legislative gelegt wurde. Letztlich lässt der Angriff auch ein weiteres Mal an Trumps Glaubwürdigkeit zweifeln, zumal er einerseits im September und Oktober ein Streben nach einem Regierungswechsel in Venezuela explizit dementiert hat und betont hat, dass es sich um einen Feldzug gegen Drogenkartelle handelt. Andererseits hat Trump seiner MAGA-Basis versichert, dass die USA sich unter ihm nicht in die Belange anderer Länder einmischen oder neue Kriege starten werde. Seine Vorgänger beschimpften Trump und seine Anhänger als “Warmonger” (dt. Kriegstreiber) und versprachen eine Ende der “Forever Wars”.
Gleichzeitig ist die Rechtmäßigkeit der Maduro-Regierung mehr als nur umstritten. Seine Unterstützung in der Bevölkerung liegt nur um die 10 Prozent, das Volk leidet unter seiner Diktatur und nur eine kleine Elite profitiert von der Regierung. Das Erdölreichste Land der Welt wurde von Maduro so runtergewirtschaftet, dass man nicht mal mehr die Fähigkeit hatte, das Geld in Form von Öl aus dem Boden zu holen. Der Westen erkannte den Diktator unter anderem wegen Wahlfälschung sowieso nicht an.
Die venezolanische Diaspora und einige Kommentatoren aus dem Ausland feiern den Sturz Maduros und es fällt einem schwer sich vorzustellen, wie es dem Volk in Zukunft schlechter gehen könnte als in Vergangenheit. Stattdessen überwiegt die Hoffnung auf Verbesserung der Lage und insofern ist es sicher erst einmal ein guter Tag für Venezuela.
Mit dem Motiv für Trumps Eingreifen hat das alles aber nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich um einen positiven Nebeneffekt. Denn in einem späten Akt der Ehrlichkeit, lässt Trump keinen Zweifel daran, dass er plant U.S.-Ölunternehmen wieder Zugang zu den Ölquellen des Landes zu geben, die einst enteignet wurden und das Land auch sonst vorerst unter U.S.-Regime stellen. Die Oppositionsführerin María Corina Machado, die ihren Friedensnobelpreis Donald J. Trump widmete, wird in der nächsten Regierung auf jeden Fall auch keine Rolle spielen. Wichtiger ist, dass die Raffinerien im fernen Texas und Louisiana schon bald wieder das schwarze Gold aus Venezuela veredeln können. (siehe Medienempfehlung)
Trumps Coup birgt zahlreiche Gefahren. So verlieren die USA (und der Westen) nicht nur die moralische Überlegenheit gegenüber Aggressoren wie Putin. Trumps ökonomisch motivierter Überfall belastet nicht nur Friedensverhandlungen für die Ukraine, er könnte auch als Legitimation für einen chinesischen Angriff auf Taiwan dienen. Für einen Moment dachte ich, weil es Trump nicht gelingt, Osteuropa zu befrieden, macht er “das Beste” draus, und nutzt die Gelegenheit wenigstens um selbst auf Kriegszug zu gehen. Mahner sehen nicht ohne Grund ein neues imperialistisches Zeitalter, in dem Trump, Putin und Xi die Welt aufteilen und bestenfalls Atommächte sich dem Willen der Hegemonialherrscher entgegenstellen könnten.
Wer nun in Zeitungskommentaren und LinkedIn-Posts das Völkerrecht hochhält und Politiker zu Widerstand und Verurteilung auffordert, macht sich aber ebenfalls unglaubwürdig. So verstießen US-Interventionen in der Vergangenheit nicht nur manchmal, sondern sogar in den überwiegenden Fällen gegen das Völkerrecht, überspannten oder beugten es. Insbesondere wenn es um Öl ging, zogen die USA die Legitimation bestenfalls an den Haaren herbei. Ob Bananenkriege oder Kommunismuseindämmung, die U.S.-Regierung verfolgt ihre Interessen und wir schauen in der Regel zu. Wer jetzt das Kippen der Weltordnung ausruft, dem scheint vor allem nicht zu passen, dass es diesmal Trump ist, der die wirtschaftlichen und strategischen Interessen der USA mit dem Colt durchsetzt.
Der Blick in die Geschichte lässt wiederum daran zweifeln, dass es den Menschen in Venezuela unter einer Regierung von Washingtons Gnaden wirklich besser gehen wird. Frühere US-Vasallen wie Pinochet (Chile) oder Noriega (Panama) waren alles andere als wohlwollende Diktatoren. Die Menschen im Irak, Afghanistan, Iran oder Syrien leben heute selten freier und besser als vor US-Interventionen. Ob es den USA gelingt, in Venezuela eine Demokratie zu errichten — falls das jemals das Ziel war — bleibt mehr als ungewiss.
Apropos Diktatoren: Der alte und neue Trump-Vertraute Elon Musk sieht den Eingriff als klares Signal an alle Diktatoren. Genau genommen, nicht alle, sondern nur die bösen (“evil dictators”). Man könnte einen weiteren Artikel allein darüber schreiben, warum Musk glaubt, dass diese vermeintliche Tautologie erwähnenswert ist. Die Kurzversion wäre: weil Musk sich ganz sicher als Diktator zur Verfügung stellen würde und seine “guten” Diktatoren in Peking und Moskau nicht verärgern oder bedrohen will.
Ein Signal, ein Weckruf, und eine Erinnerung ist Trumps Alleingang aber ganz sicher. Einerseits macht Trump seinem Credo, dass man ihn nicht wörtlich, aber ernst nehmen sollte, alle Ehre, und sein Stab lässt keinen Zweifel daran, dass man in Caracas aktiv an dieser Reputation gearbeitet habe. Gleichzeitig beweist er aber auch, dass die USA ganz praktisch durchsetzen können, was immer sie wünschen.
“Our nation's memory is long and our reach is far” sagte Madeleine Albright einst. Damals ging es um die Anschläge auf U.S.-Botschaften in Dar-es-Salaam und Nairobi. Tatsächlich ist es beeindruckend, mit welcher Präzision die USA Macht und Gewalt in jeden Winkel der Welt projizieren können. Der Unterschied heute ist, dass Narrative Fakten ersetzt haben und über Nacht jeder fürchten muss zum Feind der USA unter Trump zu werden. EU-Offizielle, Übernationale Richter und NGO-Aktivisten. Diktatoren nannten Trump und Musk nicht nur Venezuelas Maduro. Wenn sie nicht spuren, wurden in der Vergangenheit auch brasilianische Richter und Präsident Lula, EU-Richter, die US-Bürokratie oder Präsident Selenskis Ukraine zu Diktaturen erklärt. Die Staatsoberhäupter in Kolumbien, Kuba und Mexiko müssen gar nicht erst überlegen, ob sie im Visier sein könnten. Wäre ich Mette Frederiksen, würde ich mich sicherheitshalber von Drogen fernhalten und die Küste von Grönland gut überwachen.
Es geht Trump und Musk weder um Demokratie noch Drogen. Mit waschechten Diktatoren wie Putin oder El Salvadors Bukele verstehen die beiden sich bestens. Auch deswegen wird der Begriff nicht negativ belegt, nehme ich an. Ob das Weiße Haus und Musks Gemächer frei von Drogen sind, mag jeder selbst beurteilen. Dass man den ehemaligen Präsidenten von Honduras und Narco-Verbrecher Juan Orlando Hernandez vor kurzem begnadigte, passt auch eher schlecht ins Bild. Auf jeden Fall war der Narco-Krieg gegen Venezuela ein Vorwand und eine Lüge.
Diesen Schwindel verzeihe ich Trump sogar. Das Entern und Kentern einiger Drogenkähne und Öltanker war eine gute Ablenkung um die Militärpräsenz vor Venezuela aufzubauen und zu verschleiern. Ein Fake-Drogenkrieg ist eine gute pro-forma-Ausrede, warum die USA auf einmal Navy-Verbände und Luftwaffe in der Region konzentriert. Selbst mit der Rechtfertigung, dass die Festnahme Maduros nur der Strafverfolgung mit Militärgewalt galt mag er durchkommen. Den eigenen Kongress nicht eingebunden zu haben und den Anspruch zu erheben, Venezuela mitzuregieren, ist eines demokratischen Führers, aber nicht würdig.
Unwürdig auch der Fake-Situation-Room, den man in Trumps warmen Zuhause in Mar-el-Lago für ein paar Pressebilder inszenierte. In einem Gala-Saal flickte man offenbar ein paar schwarze Tischdecken an Alugestelle, um geschmacklose Golddeko in schwarze Ernsthaftigkeit zu verwandeln. Ein LCD-Screen mit der X.com-Suche nach “Venezuela” dient dem Anschein nach als “Lagezentrum”, während die Kriegsminister gespannt für ein paar Fotos in HP-Laptops schauen.
Zurück bleibt ein mulmiges Gefühl. Ich würde mich freuen, wenn die Bevölkerung Venezuelas unter der Leitung der USA tatsächlich besser und freier leben könnte. Wer nun die Bodenschätze aus dem Land entwendet, ist für die Menschen vor Ort eher ein nachrangiger Gedanke. Dass Maduro in einem Gefängnis besser aufgehoben ist als in einem Palast ist auch selbstverständlich. Man sollte aber nicht denken, dass seine Getreuen bessere Menschen wären.
Gleichzeitig hoffe ich, dass Trumps Operation nicht die Integrität Taiwans aufs Spiel setzt oder die Ukraine weiter den Russen opfert. Ich sehe, dass sie die Checks und Balances der USA wieder einmal überstrapaziert hat. Samstag wurde ein Diktator gestürzt und ein anderer Mann ist eine weitere Stufe auf der Treppe zur Diktatur empor getaumelt.
Dieses neue Jahr 2026 wird wie sein Vorjahr ein Jahr der Ambiguität. Nicht alles, was Trump tut, ist in seiner Konsequenz falsch. Aus irgendeiner Perspektive ist das meiste zumindest nachvollziehbar. Oft reicht ein Blick auf die Partikularinteressen der Mächtigen um zumindest einige Profiteure des scheinbar erratischen Handels zu finden. Im besten Fall kann aber auch eine ganze Nation davon profitieren. Ich wünsche es mir für Venezuela. Die USA kontrollieren nun außerdem so viel Ölförderung, dass sie der Petroökonomie Russland den Boden unter den Füßen wegreißen und den Krieg unbezahlbar machen könnten. Aber das bleibt wohl eine Utopie.
Mein einziger Vorsatz für 2026 — und eine Bitte an die Leser — lautet daher: “Wenn man Flagge bekennen und eine Seite beziehen soll, sollte man stattdessen umso kritischer Nachdenken und versuchen, welche Aspekte auf beiden Seiten Wahrheit beinhalten könnten.”
🔗 CNN | New York Times
*) Dem Autor ist bekannt, dass das Prinzip der sogenannten “Benevolent Dictatorship” oder Wohlwollenden Diktatur zumindest in der Theorie existiert. Singapur unter Lee Kuan Yew oder das Jugoslawien Titos werden gern als Beispiele herangezogen. Auch weil es kaum weitere gibt und selbst in diesen Regimes herrschte ein vergleichsweise großes Maß an Unfreiheit und Verfolgung.
“Staaten haben keine Freunde, nur Interessen.”
Das sind die weiteren News der Woche:
🖊️ Googleschreiber: OpenAIs legendäres KI-Gerät in Zusammenarbeit mit Apple-Designer Jony Ive soll ausgerechnet ein Stift werden. Wenn man mich fragt: Die dümmste Idee seit dem Microsoft Zune. Wie lange Handschrift im KI-Zeitalter überhaupt überleben wird, ist fraglich. Auch aus Datensicht sicher keine Goldmine, sondern bestenfalls ein teurer PR-Stunt.
🔗 Mashable
🥸 Unbekannter wettet gegen Maduro und kassiert: 400.000 US-Dollar hat ein extra eröffneter Account auf der “Prediction Markets” Plattform PolyMarket gewonnen nachdem er ein Termingeschäft auf die Vertreibung von Venezuelas Diktator Maduro abschloss. Damit wurde der Einsatz des “Glücklichen” etwa verdreizehnfacht. Die neuen Wett-Plattformen sind weniger Glücksspiel als die Möglichkeit, Einfluss oder exklusive Insights in Tatsachenentscheidungen zu monetarisieren.
🔗 Axios
🌑 Berlin im Dunkeln: Unbekannte übten am 3. Januar einen Anschlag auf ein Gaskraftwerk im noblen Berliner Südwesten aus. Bis zu 45.000 Haushalte sind teilweise andauernd ohne Strom und Wärme. Ein Bekennerschreiben der linksextremen “Vulkangruppe” würde den Anschlag zu einem Fall von Linksterrorismus machen. Bei Minusgraden die Bevölkerung von der Daseinsvorsorge abzuschneiden ist weder Protest noch Kavaliersdelikt! Sollte sie politisch motiviert sein, könnte man kaum eine dümmere Art des Protests wählen. Wirklich niemand hat Verständnis dafür. Der Anschlag erregt so viel Zorn, dass man auch an eine Fortsetzung russischer Spaltungsversuche denken könnte. Dafür gibt es bisher aber nur Indizien.
🔗 Morgenpost | Times of India
👙 Grok macht Dich nackig! Ein neues Feature des xAI-Chatbots Grok ermöglicht es Personen in Bildern bis auf die Unterwäsche auszuziehen beziehungsweise in den Bikini-Modus zu versetzen. Sicherlich ein hervorragender Einsatz von Rechenzentrum-Ressourcen und Energie. Problematisch aber, dass Grok wirklich fast jeden entblättert. Weder vor Staatsoberhäuptern noch Minderjährigen macht der Entblößer ohne Einwilligung Stopp.
🔗 The Verge
🪰 Weitere News gibt es in der letzten Folge des Doppelgänger Podcast…
🔗 Doppelgänger Podcast
📶 Chart der Woche: Prioritäten

Ohne Worte.
🔗 Prof G
🎧 Sehenswert: Ed Conway - The Real Reason Venezuela Matters (ca. 7 min)
Schon am 11. Dezember erschien dieser Beitrag, indem Ed Conway erklärt, warum die USA ein gesteigertes Interesse am venezolanischen “Light Crude” Öl haben. Heute ist das Video relevanter denn je. Absolute Empfehlung und dauert nur 7 Minuten.
🔗 sky news | YouTube
🖨️ Earnings Season: Quartalsergebnisse der Woche
Montag 5. Januar: —
Dienstag 6. Januar: —
Mittwoch 7. Januar: —
Donnerstag 8. Januar: —
Freitag 9. Januar: —
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