KW18 - Fake Fusion auf dem Grabbeltisch

Doppelgänger Update (BETA)

Von Philipp Klöckner · 27. April 2026


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❤️ Danke an alle, die letzte Woche neue Leser:innen auf unseren Newsletter aufmerksam gemacht haben! Die “Share the Newsletter” Funktion findet ihr am Ende der aktuellen Ausgabe. Der heutige Newsletter hat 1.755 Wörter und das vollständige Lesen dauert etwa 5 Minuten. Heute ist Montag, der 27. April 2026 und die KW18 startet.

🦉 Wilderbergers “Eulenschießen”: Aleph Alpha auf der Resterampe

Seit mindestens einem Jahr liegt die quasi unter Kontrolle der Schwarz-Gruppe geratene deutsche KI-Hoffnung Aleph Alpha wie ein Ladenhüter mit aufgebrochenem Hochglanz-Blister im Dümmel-Regal des Lebensmitteldiscounters. Ein Strategiewechsel zu B2B- und öffentlichen Kunden konnte das von Jonas Andrulis gegründete Unternehmen ebenso wenig retten wie die elterliche Aufsicht durch formell erfahrene Heilbronner C-Level Anpassungen.

Digitalminister Wildberger will uns den Notverkauf der Heidelberger KI-Hoffnung als Bildung eines transatlantischen KI-Powerhouses verkaufen. Die ZEIT spricht von Fusion, das Handelsblatt von Zusammenschluss. Genau so versucht man es bei einem Termin in der Berliner Bundespressekonferenz, zudem Wildberger nicht nur die CEOs von Aleph Alpha und Cohere, sondern auch Schwarz-IT-Boss Rolf Schumann und seinen kanadischen Gegenpart Evan Solomon eingeladen hat, zu verkaufen. Wildberger spricht von “einem starken Signal für Deutschland” — und das ist es auch. Leider nicht im insinuierten Sinne.

Schon für die 2023er Investitionsrunde von Aleph Alpha fuhr man die große Politik auf. Der damalige Wirtschaftsminister Habeck durfte eine angebliche Mega-Investition von 500 Mio Euro verkünden. Wie wir im Doppelgänger-Podcast damals spekuliert haben, und das Handelsregister inzwischen zeigt, erreichten gerade einmal 100 Mio Euro das Eigenkapital von Aleph Alpha. Beim Rest der sagenhaften Finanzierung drehte es sich vor allem um Rechenzeit- und Umsatzzusagen. Neben der Schwarzgruppe, die damals ein deutsche KI-Wunder bauen wollte, legten auch SAP, Bosch, Burda und der umtriebige Politik-Netzwerker Harald Christ Geld in Aleph Alpha an.

Die schlauen Frühphasenfinanzierer 468 Capital und Lakestar haben ihre Beteiligungen an Aleph Alpha hingegen lange aufgelöst und zum richtigen Zeitpunkt den Exit gesucht. Die verbliebenen Anteilseigner bekommen jetzt immerhin 10% an der neuen “deutsch-kanadischen” Cohere. Im Gegenzug für Zugang zum deutschen Corporate-Markt und Regierungsaufträgen, sichert Cohere die Arbeitsplätze und behält eine Niederlassung in Deutschland.

Außerdem versilbern LIDL-Millionen die Bewertung von Cohere. In einer Finanzierungsrunde wird die Schwarz-Gruppe auch hier wieder eine “strukturierte Finanzierung” in Hohe von 600 Millionen bereitstellen und die Bewertung der Kanadier von 7 auf 20 Milliarden anheben. Gemessen am moderaten kombinierten Umsatz von schätzungsweise circa 300 Millionen Euro wäre das ein 60-Faches des Umsatzes und läge trotz langsameren Wachstums weit über den Multiples von OpenAI oder Anthropic.

Bei der “Struktur” der Finanzierung, würde ich erfahrungsgemäß davon ausgehen, dass es hier teilweise auch wieder um Rechenzeit-Budgets geht, und man die Kapazität, die man einst für Aleph Alpha reservierte PR-tauglich recycelt. Mit potentiellen Zuwendungen, die in Ermangelung von Kundengeschäft nie voll abgerufen werden, kann man natürlich beliebig oft “Finanzierungsrunden” beitreten. Im besten Fall gelingt es der Schwarz-Gruppe ihre eigenen Rechenzentren mit Aufträgen von Cohere, die sich für das Europa-Geschäft wiederum auf die Leistungen des neuen Partners festlegen.

Realistisch gesehen, nutzt Wildberger die Nachfragemacht des deutschen Staates, um die Schwarz-Tochter noch schnell nach Kanada zu verheiraten und dem neuen Unternehmen einen kleinen Deutschland-Aufkleber an die Stoßstange zu kleben. Spätestens im Falle eines IPOs wäre man nur noch einer von vielen Shareholdern. Die IT-Kräfte von Aleph Alpha müssten andernfalls sicher nicht bei der Arbeitsagentur vorstellig werden.

Vermutlich sind unsere Behörden und souveräne KI-Projekte in Kanada gerade in berechenbareren Händen als bei US-Konzernen. Das ist ein Gewinn an Souveränität, aber keine echte Autarkie. Würde die Fusion oder Beauftragung sinnvoll sein, hätte der Markt sich diese Option sicher auch so erschlossen. Nun wirkt es auf mich aber so, als hätten die Schwarz-Gruppe und der Digitalminister sich in eine Situation gebracht, wo sich beide einerseits weit aus dem Fenster gelehnt haben, aber damit auch vorwiegend daran interessiert sind, die Optik des eigenen Handelns gegenseitig zu optimieren.

Souveränität sieht anders aus. Diese Liaison gleicht einer, die morgens um 4 auf der Tanzfläche der Dorfdiskothek geschlossen wird. Aleph Alpha wankt schon seit Stunden nur von einem Bein auf das andere. Während die erfolgreichen Marktteilnehmer aber ihr Interesse bereits anderweitig gestillt haben, nimmt Cohere die Braut mit heim, auch weil sie weiß, dass bei Wildbergers Eulenschießen nicht nur der Landesherr, sondern auch die wohlhabende Discounter-Mutter eine attraktive Mitgift in Aussicht stellt.
🔗 ZEIT | Handelsblatt | TechCrunch | CNBC

💬 Zitat der Woche

So entsteht eine echte Alternative – Made in Germany, Made in Canada.”

Karsten Wildberger - Deutscher Digitalminister

📰 Das sind die weiteren News der Woche: 

🚗 Kein Over-the-Air FSD für alte Teslas: Tesla manövriert sich in eine Lose-Lose-Situation mit den eigenen Erstkunden: Musk hat angekündigt, dass Besitzer älterer Fahrzeuge mit Hardware 3 für echtes Full Self-Driving entweder einen Trade-in mit Rabatt machen oder ein teures Hardware-Upgrade bezahlen müssen. Analysten und Investoren halten den Plan für unpraktikabel und teuer. Die Aktie verlor nach der Ankündigung knapp 3 %, weil die Zusicherung „jeder Tesla wird ein Robotaxi" damit faktisch beerdigt ist und der Restwert der Flotte ins Wanken gerät. Besonders bitter für europäische Käufer, die jahrelang FSD vorausgezahlt haben und die Funktion bis heute kaum nutzen können.
🔗 Marketwatch

🗺️ Google stigmatisiert Review-Killer: Google macht in Deutschland jetzt sichtbar, was bisher im Verborgenen lief: Per Banner wird direkt im Rezensionsbereich angezeigt, wenn ein Unternehmen Bewertungen in größerem Stil löschen lässt. Das passiert zumeist mit der dehnbaren Begründung „Diffamierung" nach deutschem Recht. Die Löschung unliebsamer Beschwerden und schlechter Bewertungen wurde zu einer lukrativen Industrie. Weil Rezensenten im Ernstfall ihren Besuch und Konsum nachweisen mussten, klagten Kanzleien auch Hunderttausende von vermeintlich legitimen Bewertungen weg. Damit ist jetzt Schluss: Wer viele Rezensionen löschen lässt, bekommt von Google jetzt die Quittung. Nutzer verstehen relativ gut, wie sie diese schlaue Tatsachendarstellung von Google zu interpretieren haben.
🔗 SmartDroid

🇨🇳 China blockt US-Investments in KI: Peking macht ernst: Chinas Regulator NDRC hat heimische Tech-Firmen angewiesen, US-Kapital in Finanzierungsrunden künftig nur noch mit ausdrücklicher Genehmigung anzunehmen. Betroffen sind unter anderem das KI-Labor Moonshot AI und TikTok-Mutter ByteDance. Auslöser ist Metas über 2 Mrd. Dollar schwere Übernahme des AI-Startups Manus aus 2025, bei der man sich elegant vor jeder Pekinger Prüfung weggeduckt hatte.
🔗 Reuters

🪰 Weitere News gibt es in der letzten Folge des Doppelgänger Podcast…
🔗 Doppelgänger Podcast

📶 Chart der Woche: Die größten KI-Chip-Verkäufer

Google hat gerade die jüngste Generation seiner eigenen Hardware vorgestellt. Die 8. Generation der Tensor Procession Units wird einen Chip auf Inference und einen aufs Training optimieren. Nach Stückzahlen besetzt Google bald 30% des KI-Chip-Marktes. NVIDIA baut noch ungefähr die Hälfte der Chips. Trend: abnehmend. Misst man in Rechenpower statt Stückzahlen, sieht das Bild etwas weniger dramatisch aus. Der Trend ist aber derselbe.
🔗 Epoch.ai

📺 Sehenswert: Mittelstars KI-Update (circa 145 min)

Für ein KI-Update zum Thema Mittelstand war ich mal wieder bei meinem Freund Marcus Seidel zu Gast. Am Ende dauerte das Gespräch dann doch über zwei Stunden, die sich für Zuschauer und Zuhörer hoffentlich lohnen.
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📺 Sehenswert: That’s Smart Money über KI-IPOs (circa 59 min)

Die IPOs von SpaceX, OpenAI und Anthropic stehen vor der Tür. Für den That’s Smart Money Podcast von LIQID dissektiere ich mit LIQID CEO Christian Schneider-Sickert und Amber-Chef Florian Adomeit die Firmen, Strategien und Bewertungen.
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🖨️ Earnings Season: Quartalsergebnisse der Woche

Montag 27. April: Lending Club (AMC)
Dienstag 28. März: Spotify (BMO), RobinHood (AMC)
Mittwoch 29. April: SoFi (BMO), Microsoft (AMC), Amazon (AMC), Meta (AMC), Alphabet (AMC)
Donnerstag 30. April: wayfair (BMO), Apple (AMC), reddit (AMC)
Freitag 1. Mai:

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