KW1 - Sozialbetrug im Kleinen und Großen

Doppelgänger Update (BETA)

Von Philipp Klöckner · 2. Januar 2026


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❤️ Danke an alle, die letzte Woche neue Leser:innen auf unseren Newsletter aufmerksam gemacht haben! Die “Share the Newsletter” Funktion findet ihr am Ende der aktuellen Ausgabe. Der heutige Newsletter hat 1.360 Wörter und das vollständige Lesen dauert etwa 5 Minuten. Heute ist Freitag, der 2. Januar 2026 und wir sind in der KW1.

🕵️ Sozialbetrug im Kleinen und Großen

Vorab: es gibt nur wenig niedrigere Verbrechen, als die Mittel, welche andere Steuerzahler, sich von ihren teilweise niedrigeren Löhnen absparen müssen, um für die eigene Notlage oder aus Solidarität für andere, die Hilfe benötigen, vorzusorgen unrechtmäßig zu beanspruchen. Wer das tut, verliert meiner Meinung nach seinen Anspruch auf jegliche Teilhabe an der Gesellschaft, gehört abschreckend bestraft und gegebenenfalls ausgewiesen oder abgeschoben. Wenn Menschen solche Fälle ans Licht bringen, ist das richtig und wichtig und dient potenziell der Transparenz und Fairness in einer Sozialgemeinschaft.

Was derzeit unter dem Schlagwort “Somali Fraud” durch die US-Medien und globalen sozialen Netzwerke getrieben wird, ist dennoch - so scheint mir - weit mehr als das. So sollen aus Somalia stammende Immigranten in den USA illegal verschiedene Sozialleistungen in mindestens dreistelliger Millionenhöhe bezogen haben. Insbesondere während der COVID-Krise, als Geld insgesamt relativ freihändig verteilt wurde. Besonders perfide sicherlich, dass man eben insbesondere Leistungen aus Töpfen stahl, die für Kindererziehung, marginalisierte Gruppen, Gesundheitsversorgung, etc vorgesehen waren. Dienstleistungen, die in den USA für viele Menschen sowieso kaum erschwinglich waren.

Es ist wichtig, dass solche Verbrechen an der Solidargemeinschaft aufgedeckt, bestraft und idealerweise verhindert oder minimiert werden. Punkt.

Die internationale Rechte, allen voran ihr Klassensprecher Elon Musk, macht natürlich aber viel mehr daraus:

Natürlich wird der Schaden in Minnesota erstmal aggressiv, mindestens auf eine Dekade und sämtliche demokratischen Bundesstaaten hochgerechnet, um auch ganz sicher im zwei- bis dreistelligen Milliardenbereich zu landen. Auch wenn bisher nur ein Schaden im dreistelligen Millionenbereich vermutet wird.

Das kennen wir schon von Musks Zaubereiministerium “DOGE”, welches zwei BILLIONEN US-Dollar einsparen wollte und sämtlichen Fraud ausradieren, letztlich aber nur ein paar Zeitungsabonnements und Adobe-Lizenzen kürzte, während man quasi nichts von Belang einsparte und die US weiter Rekorddefizite fahren. Allein ein paar unliebsamer Beamter konnte man sich entledigen und so defacto-Deregulierung schaffen.

Komischerweise hat DOGE es auch nicht geschafft, diesen auf einmal angeblich offensichtlichen Betrug zu detektieren. Stattdessen kürzte man die Entwicklungshilfe für Millionen von Menschen, die tatsächlich in Not waren. Lauthals verkündet Musk, wie groß dieses Problem schon immer gewesen sei. Warum er nichts dagegen tat, als er es in der Hand hatte? …bleibt das Geheimnis des 700-Milliarden-Dollar-Südafrikaners.

Natürlich spielt auch Rassismus hier eine Rolle. Nicht weil es falsch wäre, Straftaten von Immigranten mit der gleichen Härte zu verfolgen. Das ist selbstverständlich. Sondern weil X-Accounts jetzt auswerten, welche Nationalität und Religion die Vorstände verschiedener karitativer Einrichtungen, NGOs und Dienstleister haben, als würde damit bereits ein Generalverdacht einhergehen. Das wiederum ist der Inbegriff von Rassismus. Trump behauptet öffentlich, 90 Prozent des Betruges wären Somaliern zuzurechnen. Eine ganze Bevölkerungsgruppe wird in den USA auf Jahre nur noch mit Betrügern assoziiert werden. (Abgesehen davon ist es auch nicht optimal, dass echte Kitas jetzt von selbsternannten Bürgerjournalisten belagert werden.)

Elon Musk beziffert auf X den Schaden auf 1.5 bis 2 Billionen US-Dollar oder 20 Prozent des Federal Budgets. Das wären immerhin 6 Millionen pro somalischen Einwanderer pro Jahr(!). Mehr als 100.000 immer noch, wenn man sämtliche sogenannten illegalen Einwanderer aus anderen Ländern hinzuzieht. Komisch, dass es so wenig Somali-Millionäre, aber so viele weiße südafrikanische Milliardäre (Musk, Sacks, Thiel, Botha) in den USA gibt.

Die Hetze lenkt aber auch von einem viel größeren Problem ab. Genauer gesagt, sie lenkt den Volkszorn, wie im Bild oben, auf eine kleine Minderheit, während der Sozialstaat tatsächlich von ganz anderen ausgehöhlt und kompromittiert wird.

Der Schaden durch Steuerverkürzung, Steuervermeidung, Steuerraub (CumEx, CumCum), Steuerschlupflöcher, Subventionen, von denen überwiegend besserverdienende profitieren oder die jüngsten Steuersenkungen für Reiche durch die Trump-Administration reißt viel größere Löcher in die Sozialkassen. Effektive Steuersätze sind solange progressiv, bis sie im Multimillionär-Bereich ankommen, dann sinken sie wieder.

Ein besonders infames und irreführendes Beispiel (Hallo Presserat!) fand ich im Focus. Auf der Suche nach dem Ausmaß von SozialHILFEbetrug in Deutschland (wenige hundert Millionen, dennoch zu viel!), stieß ich auf die Überschrift “113 Milliarden Euro Sozialbetrug: Ein härterer Kampf würde helfen”. Der Autor C. Sackmann widmet die ersten drei Absätze seines Artikels, um ausgedehnt zu beschreiben, wie ein afrikanischer Deutscher den Staat um 1,5 Millionen Euro erleichtert.

Auf 113 Milliarden kommt man erst, wenn man Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung, die weit höhere Schäden verursachen, hinzu rechnet. Das steht hier aber nicht im “Focus”(sic!), auch wenn es im weiteren Artikel erwähnt wird. Schließen tut der Artikel folgerichtig auch nicht mit einem Aufruf Steuerschlupflöcher zu stopfen, sondern das Sozialsystem zu reformieren.

Whataboutism? Nein. Sozialbetrug ist immer verwerflich und sollte unabhängig verfolgt und bekämpft, nicht gegeneinander aufgewogen werden. Und dennoch muss man die Relationen und Ausmaße zeigen, sowie stutzig werden, wenn man dem Thema Sozialbetrug eine Hautfarbe geben will. Die Profiteure und Enabler von Milliardenlöchern sitzen auch in unseren Parlamenten und Meetingräumen. Wenn Maskendeals und Ausschreibungen verschoben, wenn Milliarden an Dividenden x-fach beansprucht und Milliardengewinne ins Ausland verschoben werden, passiert das in den meisten Fällen durch Anzugträger.

Der Minnesota-Fraud ist vor allem gefundenes Fressen für jene, die Staat und Sozialstaat eh abbauen wollen. Die Legislative hat man gekauft, die Exekutive geschliffen. An Judikative und Medien arbeitet man sich ab, um sie zu diskreditieren. Die “freie” Bildung belegt man ebenso wie die Presse mit Milliardenklagen oder streicht Mittel. Nun sind NGOs, Interessensgemeinschaften und karitative Zwecke dran. Gewerkschaften spielen in den USA leider schon lange keine Rolle mehr. Aber alles, was eine Demokratie ausmacht oder als ihr Immunsystem gilt, steht derzeit mehr denn je unter Beschuss.
🔗 CNN

Dieses ständige Lügen zielt nicht darauf ab, das Volk eine Lüge glauben zu machen, sondern darauf, dass niemand mehr irgendetwas glaubt. Ein Volk, das nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden kann, kann auch nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden.

Hannah Arendt - Deutsche Historikerin

Das sind die weiteren News der Woche: 

🖐️ Manus Meta lavat?: Zwei Milliarden US-Dollar hat der Social Media Konzern Meta für das chinesische KI-Agenten-Startup Manus hingeblättert. Angesichts der Tatsache, dass Manus angeblich schon mehr als 100 Millionen US-Dollar ARR machte, scheint das 20-fache des Umsatzes fast günstig. Das könnte an einem pauschalen China-Abschlag liegen, oder der Tatsache, dass Manus, ebenso wie andere KI-Tools, bereits Herausforderungen mit der Treue seiner Kunden hat und der Umsatz nicht so wiederkehrend ist, wie er scheint.
🔗 Wall Street Journal

📈 Wilde Wachstumsphantasien: Zweistelliges BIP-Wachstum sieht Deadline-Scharfschütze Elon Musk in den nächsten 12 - 18 Monaten auf die US-Wirtschaft zukommen. Aktualisiert liegt man annualisiert bei 4,3 Prozent. In US-Dollar gemessen ist das Ziel fast realistisch, die Währung verlor zweistellig gegenüber EUR und CHF letztes Jahr. Binnen 5 Jahren hält Musk sogar dreistelliges (!) Wachstum für möglich. Vollkommen absurd, weil keine Wirtschaft sich so schnell an neue Technologien anpasst, selbst wenn KI Fortschritte verspricht, die sich vorerst aber nicht materialisieren. Allein der massive Data Center-Aufbau auf Pump treibt gerade das US-GDP an.

Ebenfalls problematisch: Das reale Median Household Income, also inflationsbereinigte Einkommen der Mittelschicht, hat sich längst vom Wirtschaftswachstum entkoppelt. Wie groß auch immer das Wachstum - bei zwei Dritteln der US-Amerikaner kommt kaum etwas davon an.
🔗 Yahoo Finance | Elon Musk (X)

🧠 Neuralink soll durchstarten: Zumindest kündigt Gründer Elon Musk das großspurig an. Das Computer-Hirn-Implantat soll 2026 in die Massenproduktion gehen und der Eingriff zur Einsetzung der Mensch-Maschine-Schnittstelle soll vollautomatisiert werden. Ich finde die Vorstellung, von einem Roboter operiert zu werden, weniger gruselig als ausgerechnet Elon Musk, Root-Zugriff auf mein Gehirn zu geben. Bei X und Tesla hat Musk bereits bewiesen, dass er seine Produkte im Zweifel auch für die eigene Überzeugung einsetzt. Das scheint den neuen Meta AI Chef Alexandr Wang weniger zu beunruhigen. Dieser verschiebt seinen Kinderwunsch aktiv, bis Neuralink am Markt ist. Es wäre doch Verschwendung, Kinder ohne bionisches Hirnimplantat aufzuziehen.
🔗 Reuters | Times of India

🪰 Weitere News gibt es in der letzten Folge des Doppelgänger Podcast…
🔗 Doppelgänger Podcast

📶 Chart der Woche: Digitale Exportweltmeister

Deutschland gilt als Exportweltmeister. Außer bei Digitalisierung. Zwar hält Deutschland mit circa 6 Prozent Anteil an den digitalen Exporten sogar etwas mehr Anteil als das BIP vermuten würde, aber dennoch sind die gezeigten Zahlen höchstproblematisch.

Dass Wirtschaftszwerge wie die Schweiz oder Luxemburg so überdurchschnittlich hoch liegen, zeigt in die richtige Richtung. Spätestens, wenn man sich die Niederlande oder Irland anschaut, dass mit 15% des GDP von Deutschland 50% mehr an “digitalen Exporten” schafft, sollte Skepsis überwiegen. Denn keinesfalls erwirtschaftet Irland umgerechnet zwei Drittel seines Bruttosozialproduktes digital. Vielmehr schleusen sämtliche US BigTech Unternehmen (und viele andere) ihre Gewinne durch Steueroasen in Europa, um die Zahlung von Steuern auf Erträge in Deutschland oder Frankreich zu umgehen.

Ursprünglich wurde dafür das aufwendige “Double Irish with a Dutch” Sandwich benutzt, welches niedrige Steuern in Irland mit einer Sonderregelung für IP-Rechte z.B. in den Niederlanden kombinierte. Legt man Patente, Geistiges Eigentum, Marken etc in eine ausländische Gesellschaft und führt zum Beispiel deutsche Gewinne als Lizenz ab, entstehen weniger Gewinn (und Steuern) in Deutschland, und die Lizenzeinnahmen im Ausland müssen kaum versteuert werden. So könnten wir unsere Doppelgänger Marke zum Beispiel an eine Firma in den Niederlanden verkaufen und dann eine Lizenz zurück mieten, um unseren Gewinn und die Steuerlast in Deutschland zu minimieren.
🔗 Visual Capitalist | Double Irish with a Dutch Sandwich | Patent-Boxen

🎧 Hörenswert: Founder Mode (ca. 81 min)

Tiefe Einblicke in das Business Doppelgänger und unseren Weg in die Podcast-Blase kann man im Founder Mode Podcast mit Feliks Eyser nachvollziehen. Wer schon immer mal wissen wollte, wie der Podcast eigentlich entstanden ist, warum und wie wir ihn machen und was wir nie machen würden, der wird hier fündig.
🔗 FounderMode | Spotify | Apple

🎧 Hörenswert: SPIEGEL Firewall: Spahns Affären (ca. 41 min)

Mit 22 Bundestagsabgeordneter, mit 37 Minister – heute als Fraktionsvorsitzender einer der wichtigsten Männer in der CDU. Jens Spahns Karriere ist außergewöhnlich. Er gilt als einer, der strategisch Netzwerke knüpft, um politisch voranzukommen. Gleichzeitig muss er sich immer wieder Fragen gefallen lassen, ob er Politik und persönliche Kontakte zu sehr vermischt.

Ein SPIEGEL-Rechercheteam hat seine Netzwerke untersucht – von Spahns Anfängen in der Politik bis zum milliardenschweren Maskendebakel. Schaut man sich die Aktivitäten und vermeintlichen Skandale auf Spahns politischer Laufbahn an, denkt man schnell an den Teflon-Mann, an dem wirklich gar nichts kleben zu bleiben scheint. Wenn ich mir Spahns Weg zur Macht in Deutschland - aber auch seine Netzwerke - anschaue, bin ich einigermaßen besorgt. Kaum ein Politiker vermischt privates so stark mit dem Aufgabenfeld und einige seiner “Bekannten” hat man hier und da im Doppelgänger Podcast schon einmal kennenlernen können.
🔗 Spiegel | Spotify | Apple

🖨️ Earnings Season: Quartalsergebnisse der Woche

Montag 29. Dezember:
Dienstag 30. Dezember:
Mittwoch 31. Dezember:
Donnerstag 1. Januar:
Freitag 2. Januar:

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